Joseph Smith - Lebensgeschichte

Auszüge aus der Lebensgeschichte des Propheten Joseph Smith

 

1.Infolge der vielen Gerüchte, die von übelgesinnten und hinterhältigen Leuten über Ursprung und Fortschritt der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage in Umlauf gesetzt worden sind und die alle von ihren Urhebern ersonnen worden sind, um der Kirche als solcher und ihrem Fortschritt in der Welt entgegenzuwirken, habe ich mich veranlaßt gesehen, diese Darstellung zu schreiben. Sie soll die Öffentlichkeit eines Besseren belehren und allen Wahrheitssuchern die Tatsachen über mich und die Kirche so vermitteln, wie sie sich zugetragen haben - soweit mir diese Tatsachen zur Verfügung stehen.

2.In dieser Schilderung werde ich die verschiedenen Ereignisse, die auf diese Kirche Bezug haben, in Wahrheit und Rechtschaffenheit darstellen, wie sie zustande gekommen sind oder sich gegenwärtig, also im achten Jahr seit der Gründung der genannten Kirche, zutragen.

3.Ich wurde im Jahre unseres Herrn 1805 geboren, am 23. Dezember, und zwar in der Ortschaft Sharon, Kreis Windsor im Staate Vermont ... Mein Vater, Joseph Smith sen., zog aus dem Staate Vermont weg und übersiedelte nach Palmyra, Kreis Ontario (jetzt Wayne) im Staate New York, als ich etwa in meinem zehnten Lebensjahr stand. Rund vier Jahre nachdem er nach Palmyra gekommen war, übersiedelte er mit seiner Familie nach Manchester im selben Kreis Ontario.

4.Die Familie bestand aus elf Seelen, nämlich meinem Vater Joseph Smith, meiner Mutter Lucy Smith (vor ihrer Heirat hieß sie Mack, Tochter des Solomon Mack), meinen Brüdern Alvin (der am 19. November 1824 im Alter von 27 Jahren starb), Hyrum, mir selbst, Samuel Harrison, William und Don Carlos sowie meinen Schwestern Sophronia, Catherine und Lucy.

5.Im zweiten Jahr nach unserer Übersiedlung nach Manchester kam es an unserem Wohnort zu einer ungewöhnlichen Erregung über das Thema Religion. Sie begann bei den Methodisten, breitete sich aber bald unter allen Glaubensgemeinschaften in jener Gegend aus. Es hatte tatsächlich den Anschein, als sei der ganze Landesteil davon ergriffen, und ganze Scharen schlossen sich den verschiedenen religiösen Parteien an. Das verursachte nicht wenig Aufregung und Uneinigkeit unter den Leuten, denn einige schrien: "Hierher!", die anderen: "Daher!" Einige stritten für den Methodistenglauben, andere für den der Presbyterianer, wieder andere für den der Baptisten.

6.Wohl bekundeten diejenigen, die sich zu den verschiedenen Glaubensrichtungen bekehrt hatten, zur Zeit ihrer Bekehrung große Liebe, und die betreffenden Geistlichen, die dieses außergewöhnliche Schauspiel religiöser Aufwallung in Szene gesetzt hatten und förderten, zeigten großen Eifer, um jedermann sich bekehren zu lassen - wie sie das zu nennen beliebten -, und jeder möge sich der Gemeinschaft anschließen, die ihm zusagte. Als dann aber die Bekehrten einer nach dem anderen weggingen, die einen zu der einen Partei, die anderen zu einer anderen, da konnte man sehen, daß die scheinbar so guten Gefühle der Priester und auch der Bekehrten mehr vorgetäuscht als wirklich waren. Es kam zu einer großen Verwirrung und zu bösen Gefühlen: ein Priester eiferte gegen den anderen, ein Bekehrter gegen den anderen, so daß alles Wohlwollen füreinander, sofern sie je welches gehabt hatten, in dem Wortkrieg und Meinungsstreit gänzlich unterging.

7.Ich stand damals in meinem fünfzehnten Lebensjahr. Meines Vaters Familie ließ sich für den Glauben der Presbyterianer gewinnen, und ihrer vier schlossen sich dieser Kirche an: meine Mutter Lucy, meine Brüder Hyrum und Samuel Harrison sowie meine Schwester Sophronia.

8.In dieser Zeit großer Erregung hatte ich viel Grund, ernstlich nachzudenken, und ich fühlte mich sehr unbehaglich. Zwar nahm ich lebhaften Anteil und hatte sehr ausgeprägte Gefühle, aber ich hielt mich doch von allen diesen Parteien fern, wenn ich auch ihre Versammlungen besuchte, sooft sich mir die Gelegenheit bot. Im Lauf der Zeit neigte ich den Methodisten zu und hatte wohl auch den Wunsch, mich ihnen anzuschließen. Aber die Verwirrung und der Streit zwischen den verschiedenen Konfessionen waren so groß, daß es für einen jungen Menschen wie mich, der mit Menschen und Dingen wenig Erfahrung hatte, gar nicht möglich war, mit Sicherheit zu entscheiden, wer nun recht und wer unrecht hatte.

9.Bisweilen befand ich mich in heftiger Erregung, so groß war das Geschrei, so unaufhörlich der Tumult. Die Presbyterianer wandten sich aufs heftigste gegen die Baptisten und Methodisten und benutzten alle Verstandeskräfte und Spitzfindigkeiten, um ihnen Irrtümer nachzuweisen oder wenigstens die Leute glauben zu machen, sie seien im Irrtum. Andererseits wiederum waren die Baptisten und Methodisten ebenso eifrig bestrebt, ihre eigenen Lehren durchzusetzen und alle anderen zu widerlegen.

10.Inmitten dieses Wortkriegs und Tumults der Meinungen sagte ich mir oft: Was ist da zu tun? Welche von allen diesen Parteien hat recht, oder haben sie allesamt unrecht? Und falls irgendeine recht hat - welche ist es, und woran soll ich sie erkennen?

11.Während ich also mit diesen äußersten Schwierigkeiten zu kämpfen hatte, die durch den Glaubensstreit der Religionsparteien ausgelöst worden waren, las ich eines Tages im Jakobusbrief den 5. Vers im 1. Kapitel. Dort hieß es: Fehlt es aber einem von euch an Weisheit, so erbitte er sie von Gott, der allen gerne gibt und keine Vorwürfe macht; dann wird sie ihm gegeben werden.

12.Nie ist einem Menschen eine Schriftstelle mit mehr Gewalt ins Herz gedrungen als diese damals mir. Es war so, als ergieße sie sich mit großer Macht in mein ganzes Gemüt. Immer wieder dachte ich darüber nach, denn ich wußte, wenn überhaupt jemand Weisheit von Gott brauchte, so war ich es. Ich wußte ja nicht, wie ich mich verhalten sollte, und solange ich nicht mehr Weisheit erlangte, als ich damals besaß, würde ich es auch nie wissen. Die Religionslehrer der verschiedenen Glaubensgemeinschaften legten nämlich ein und dieselbe Schriftstelle so unterschiedlich aus, daß dadurch alles Vertrauen darauf, zerstört wurde, die Frage durch Berufung auf die Bibel zu entscheiden.

13.Endlich kam ich zu dem Schluß, daß ich entweder in Finsternis und Verwirrung bleiben oder das tun müsse, was Jakobus sagt, nämlich Gott bitten. Ich faßte also endlich den Entschluß, Gott zu bitten, denn ich sagte mir: Wenn er denen Weisheit gibt, denen es daran fehlt, und wenn er gerne gibt und keine Vorwürfe macht, dann durfte ich es wohl wagen.

14.Also begab ich mich gemäß diesem meinem Entschluß, Gott zu bitten, in den Wald, um den Versuch zu machen. Es war an einem strahlend schönen Morgen in den ersten Frühlingstagen des Jahres 1820. Zum erstenmal in meinem Leben unternahm ich so einen Versuch, denn bei all meiner Unruhe hatte ich doch noch nie versucht, laut zu beten.

15.Nachdem ich mich an den Ort zurückgezogen hatte, den ich vorher dazu ausersehen hatte, blickte ich um mich und sah, daß ich allein war. Ich kniete nieder und fing an, Gott meinen Herzenswunsch vorzutragen. Kaum hatte ich das getan, da wurde ich auch schon von einer Gewalt gepackt, die mich gänzlich überwältigte und eine so erstaunliche Macht über mich hatte, daß sie mir die Zunge lähmte und ich nicht sprechen konnte. Dichte Finsternis zog sich um mich zusammen, und ich hatte eine Zeitlang das Gefühl, als sei ich plötzlicher Vernichtung anheimgegeben.

16.Ich nahm aber alle Kraft zusammen und rief Gott an, er möge mich aus der Gewalt dieses Feindes befreien, der mich gepackt hatte; und gerade in dem Augenblick, wo ich verzweifeln und mich der Vernichtung preisgeben wollte - und nicht etwa einem eingebildeten Verderben, sondern der Gewalt eines wirklichen Wesens aus der Welt des Unsichtbaren, das eine so unglaubliche Macht hatte, wie ich sie noch nie bei einem Wesen verspürt hatte -, eben in diesem Augenblick höchster Angst sah ich gerade über meinem Haupt eine Säule aus Licht, heller als die Sonne, allmählich herabkommen, bis es auf mich fiel.

17.Kaum war es erschienen, da fühlte ich mich auch schon von dem Feind befreit, der mich gebunden gehalten hatte. Als das Licht auf mir ruhte, sah ich zwei Gestalten von unbeschreiblicher Helle und Herrlichkeit über mir in der Luft stehen. Eine von ihnen redete mich an, nannte mich beim Namen und sagte, dabei auf die andere deutend: Dies ist mein geliebter Sohn. Ihn höre!

18.Der Grund, warum ich den Herrn befragen wollte, war der, daß ich wissen wollte, welche von allen Glaubensgemeinschaften recht hätte und welcher ich mich anschließen sollte. Sobald ich mich soweit gefaßt hatte, daß ich imstande war zu sprechen, fragte ich daher die über mir im Licht stehenden Wesen, welche von allen Gemeinschaften die richtige sei und welcher ich mich anschließen solle.

19.Ich bekam die Antwort, ich dürfe mich keiner von ihnen anschließen, denn sie seien alle im Irrtum; und derjenige, der zu mir sprach, sagte, ihre sämtlichen Glaubensbekenntnisse seien in seinen Augen ein Greuel; jene Glaubensbekenner seien alle verderbt, denn "sie nahen sich mir mit den Lippen, aber ihr Herz ist ferne von mir; sie verkünden Menschengebote als Lehre, sie haben zwar die äußere Form der Frömmigkeit, aber sie leugnen deren Kraft".

20.Nochmals verbot er mir, einer von ihnen beizutreten; und er sagte mir noch vieles andere, was ich zu dieser Zeit nicht niederschreiben kann. Als ich wieder zu mir kam, fand ich mich auf dem Rücken liegen, den Blick zum Himmel gerichtet. Als das Licht verschwunden war, hatte ich keine Kraft; ich erholte mich aber bald so weit, daß ich nach Hause gehen konnte. Als ich mich gegen den offenen Kamin lehnte, fragte mich die Mutter, was los sei. Ich antwortete: "Schon gut, alles ist in Ordnung, mir ist ganz wohl zumute." Dann sagte ich zu meiner Mutter: "Ich habe herausgefunden, daß der Presbyterianerglaube nicht richtig ist." Der Widersacher muß wohl schon seit meinen frühen Lebensjahren gewußt haben, daß ich dazu bestimmt war, sein Reich zu stören und zu beunruhigen - warum hätten sich sonst die Mächte der Finsternis gegen mich verbinden sollen? Warum sonst die Gegnerschaft und Verfolgung, die sich gegen mich erhob, fast noch in meiner Kindheit?

21.Einige Tage nachdem ich diese Vision gehabt hatte, war ich zufällig mit einem Methodistenprediger beisammen, der während der vorerwähnten religiösen Erregung sehr rührig war. Als ich mich mit ihm über das Thema Religion unterhielt, nahm ich die Gelegenheit wahr und erzählte ihm von der Vision, die ich gehabt hatte. Ich war von seinem Benehmen höchlich überrascht, denn er nahm meine Mitteilung nicht nur geringschätzig auf, sondern sogar mit großer Verachtung: er sagte, das sei alles vom Teufel, so etwas wie Visionen oder Offenbarungen gebe es in unseren Tagen nicht mehr, das hätte alles mit den Aposteln aufgehört, und es würde so etwas nie wieder geben.

22.Ich mußte bald feststellen, daß ich durch das Erzählen meiner Geschichte bei den Glaubensbekennern sehr viel Vorurteil gegen mich weckte und viel Verfolgung verursachte, die ständig zunahm. Und obwohl ich nur ein unbekannter Junge von vierzehn, fünfzehn Jahren war und meine Lebensumstände dergestalt waren, daß sie so einem Knaben keinerlei Bedeutung in der Welt verschafften, nahmen doch hochstehende Männer von mir soviel Notiz, daß sie die öffentliche Meinung gegen mich aufstachelten und eine erbitterte Verfolgung anzettelten; und das hatten alle Glaubensgemeinschaften gemeinsam: Sie alle vereinigten sich, um mich zu verfolgen.

23.Oft habe ich damals und auch seither darüber nachdenken müssen, wie seltsam es doch war: Man hielt einen unbedeutenden, wenig mehr als vierzehn Jahre alten Jungen - der sich noch dazu seinen kärglichen Lebensunterhalt von Tag zu Tag durch schwere Arbeit verdienen mußte - für eine so wichtige Persönlichkeit, daß ihm die führenden Männer der damals am weitesten verbreiteten Konfessionen Aufmerksamkeit schenkten, und zwar auf eine Weise, daß sich in ihnen eine Gesinnung bitterster Verfolgung und Schmähung entwickelte. Aber seltsam oder nicht - so war es, und dieser Umstand hat mir oft großen Kummer verursacht.

24.Aber nichtsdestoweniger war es eine Tatsache, daß ich eine Vision gehabt hatte. Ich habe mir seither oft gedacht, daß mir damals ähnlich zumute war wie Paulus, als er sich vor König Agrippa verteidigte. Er berichtete von der Vision, die er gehabt hatte - daß er ein Licht gesehen, eine Stimme gehört hatte; und doch waren da nur wenige, die ihm glaubten. Einige sagten, er sei unehrlich, andere sagten, er sei verrückt; und er wurde verspottet und geschmäht. Aber das alles tat der Wirklichkeit seiner Vision keinen Abbruch. Er hatte eine Vision gehabt; er wußte es und alle Verfolgung auf Erden konnte nichts daran ändern; und wenn sie ihn bis zum Tod verfolgen sollten, so wußte er doch und würde es bis zum letzten Atemzug wissen, daß er ein Licht gesehen und auch eine Stimme gehört hatte, die zu ihm sprach, und die ganze Welt konnte ihn nicht dazu bringen, etwas anderes zu denken oder zu glauben.

25.So war es auch mit mir. Ich hatte tatsächlich ein Licht gesehen, und mitten in dem Licht hatte ich zwei Gestalten gesehen, und sie hatten wirklich zu mir gesprochen. Und wenn man mich auch haßte und verfolgte, weil ich sagte, ich hätte eine Vision gehabt, so war es doch wahr. Und während man mich verfolgte und schmähte und mich auf alle mögliche Weise böse verleumdete, weil ich das sagte, mußte ich mich fragen: "Wieso verfolgen sie mich, wo ich doch die Wahrheit sage? Ich habe tatsächlich eine Vision gehabt; und wer bin ich, daß ich Gott widerstehen könnte? Oder glaubt die Welt etwa, sie könne mich dazu bringen, daß ich verleugne, was ich tatsächlich gesehen habe?" Denn ich hatte eine Vision gesehen, das wußte ich; und ich wußte, daß Gott es wußte; ich konnte es nicht leugnen und wagte es auch gar nicht, denn zumindest wußte ich, daß ich damit Gott beleidigen und Schuldspruch über mich bringen würde.

26.Was die Glaubensgemeinschaften betraf, so hatte ich nun eine hinreichende Antwort: Ich war nicht verpflichtet, mich irgendeiner von ihnen anzuschließen, sondern sollte so verbleiben, wie ich war, bis mir weitere Weisung zuteil werden würde. Ich hatte herausgefunden, daß das Zeugnis des Jakobus stimmt: Fehlt es jemandem an Weisheit, so kann er Gott darum bitten, und er wird sie erlangen, ohne daß ihm Vorwürfe gemacht werden.

27.Ich fuhr fort, meinen täglichen Aufgaben im Leben nachzugehen, und zwar bis zum 21. September 1823. Während dieser Zeit hatte ich von Leuten aller Klassen, religiösen ebenso wie nichtreligiösen, schwere Verfolgung zu leiden, weil ich auch weiterhin darauf bestand, eine Vision gehabt zu haben.

28.In der Zeit zwischen dem Tag, da ich meine Vision hatte und mir geboten wurde, ich solle mich keiner der bestehenden Glaubensgemeinschaften anschließen, und dem Jahr 1823 - ich war ja noch so jung und wurde von denjenigen verfolgt, die eigentlich meine Freunde sein und mich wohlwollend behandeln hätten sollen; und wenn sie schon der Meinung waren, ich sei einer Täuschung unterlegen, so hätten sie sich bemühen sollen, mich in passender und liebevoller Weise wieder auf den rechten Weg zu bringen -, damals also war ich allen möglichen Versuchungen ausgesetzt: ich verkehrte in allen möglichen Kreisen, verfiel häufig in mancherlei törichte Irrtümer und ließ die Schwachheit der Jugend und menschliche Schwächen erkennen, die, ich muß es leider sagen, mich in allerlei Versuchung führten, ein Ärgernis in den Augen Gottes. Wenn ich dieses Geständnis ablege, so darf niemand glauben, ich hätte mich irgendwelcher großen oder bösartigen Sünden schuldig gemacht; etwas Derartiges zu tun lag gar nicht in meiner Natur. Aber ich war der Leichtfertigkeit schuldig, hielt mich bisweilen in lustiger Gesellschaft auf usw., was alles nicht zu dem Charakter eines Menschen paßte, der - wie ich - von Gott berufen war. Aber das wird keinen in Erstaunen setzen, der an meine Jugend denkt und mein von Natur aus fröhliches Gemüt kennt.

29.Als Folge davon hatte ich oft das Gefühl, ich sei meiner Untugenden und Unzulänglichkeiten wegen schuldig; so war es am Abend des vorerwähnten 21. Septembers. Nachdem ich mich für die Nacht zu meinem Bett begeben hatte, wandte ich mich in flehentlichem Gebet an Gott den Allmächtigen, er möge mir alle meine Sünden und Torheiten vergeben, er möge mir aber auch eine Kundgebung zuteil werden lassen, so daß ich wisse, wie ich vor ihm dastehe; denn ich vertraute fest darauf, eine göttliche Kundgebung zu erhalten, wie es mir schon früher geschehen war.

30.Während ich so im Begriffe war, Gott anzurufen, bemerkte ich, wie in meinem Zimmer ein Licht erschien, das immer stärker wurde, bis der Raum schließlich heller war als am Mittag. Gleich darauf wurde an meinem Bett eine Gestalt sichtbar, und der Betreffende stand in der Luft, denn seine Füße berührten den Boden nicht.

31.Er hatte ein loses Gewand von außergewöhnlicher Weiße an, weißer als alles, was ich auf Erden je gesehen hatte. Ich glaube auch nicht, daß etwas Irdisches so überaus weiß und helleuchtend gemacht werden kann. Seine Hände waren unbedeckt, auch seine Arme bis knapp über dem Handgelenk; ebenso waren seine Füße nackt und auch die Beine bis knapp über dem Knöchel. Haupt und Hals waren auch nicht bedeckt. Ich konnte erkennen, daß er außer diesem Gewand keine andere Kleidung trug, denn es war offen, und ich sah seine Brust.

32.Nicht nur sein Gewand war überaus weiß, sondern die ganze Gestalt war unbeschreiblich herrlich, das Antlitz leuchtend wie ein Blitz. Im Zimmer war es überaus hell, aber doch nicht so hell wie in seiner unmittelbaren Nähe. Als ich ihn erblickte, fürchtete ich mich zuerst; aber bald verließ mich die Furcht.

33.Er nannte mich beim Namen und sagte zu mir, er sei ein Bote, aus der Gegenwart Gottes zu mir gesandt, und heiße Moroni; Gott habe eine Arbeit für mich; mein Name werde bei allen Nationen, Geschlechtern und Sprachen für gut oder böse gelten, ja, man werde unter allem Volk sowohl gut als auch böse von mir sprechen.

34.Er sagte, es sei ein Buch verwahrt, auf goldenen Platten geschrieben, und darin sei ein Bericht über die füheren Bewohner dieses Erdteils und ihrer Herkunft zu finden. Er sagte weiter, in dem Buch sei die Fülle des immerwährenden Evangeliums enthalten, wie es der Erretter jenen Bewohnern einst gebracht habe.

35.Bei den Platten seien auch zwei Steine in silbernen Bügeln verwahrt, und diese Steine - an einem Brustschild befestigt - bildeten den sogenannten Urim und Tummim: Besitz und Gebrauch dieser Steine hätten früher, in alter Zeit, jemanden zum "Seher" gemacht; Gott habe sie bereitet, damit das Buch übersetzt werden könne.

36.Nachdem er mir das gesagt hatte, begann er, Prophezeiungen aus dem Alten Testament zu zitieren. Zuerst zitierte er einen Teil des dritten Kapitels von Maleachi, und er zitierte auch die sechs letzten Verse aus der gleichen Prophezeiung, allerdings mit einer kleinen Abweichung vom Wortlaut unserer Bibeln. Anstatt den sechstletzten Vers so zu zitieren, wie er in unseren Büchern lautet, zitierte er ihn so:

37.Denn siehe, der Tag kommt, der brennen wird wie ein Ofen; und alle Stolzen, ja, und alle, die Schlechtes tun, werden wie Stoppeln brennen; denn die, die kommen, werden sie verbrennen, spricht der Herr der Heerscharen, so daß ihnen nicht Wurzel noch Zweig gelassen wird.

38.Und weiter zitierte er den vorletzten Vers so: Siehe, ich werde euch durch den Propheten Elija das Priestertum offenbaren, ehe der große und schreckliche Tag des Herrn kommt.

39.Auch den nächsten Vers zitierte er anders: Und er wird den Kindern die den Vätern gegebenen Verheißungen ins Herz pflanzen, und das Herz der Kinder wird sich ihren Vätern zuwenden. Wenn es nicht so wäre, würde die ganze Erde bei seinem Kommen völlig verwüstet werden.

40.Außerdem zitierte er das elfte Kapitel von Jesaja und sagte, seine Erfüllung stehe soeben bevor. Er zitierte auch das dritte Kapitel der Apostelgeschichte, Vers 22 und 23, und zwar genauso, wie sie in unserem Neuen Testament stehen. Er sagte, der betreffende Prophet sei Christus, aber der Tag sei noch nicht gekommen, da jeder, der "diesen Propheten nicht hören will, aus dem Volk ausgetilgt werden soll", werde aber bald kommen.

41.Auch das dritte Kapitel von Joel zitierte er, Vers 1 bis zum Schluß. Er sagte auch, dies sei noch nicht erfüllt, werde es aber bald sein. Und weiter bemerkte er, die Zeit der Fülle der Andern werde bald anbrechen. Er zitierte noch viele andere Schriftstellen und gab viele Erklärungen, die hier nicht erwähnt werden können.

42.Weiter sagte er zu mir, wenn ich die Platten, von denen er gesprochen habe, erhalten werde - denn die Zeit sei noch nicht gekommen, wo sie erlangt werden sollten -, dann dürfe ich sie keinem Menschen zeigen, auch nicht den Brustschild mit dem Urim und Tummim. Nun denen dürfe ich dies zeigen, die mir genannt werden würden, sonst solle ich vernichtet werden. Während er mit mir über die Platten sprach, öffnete sich mir eine Vision, und ich konnte die Stelle sehen, wo die Platten aufbewahrt waren, und zwar so klar und deutlich, daß ich den Ort später wiedererkannte, als ich dorthin kam.

43.Nach dieser Mitteilung sah ich, wie sich das Licht im Zimmer um ihn, der zu mir gesprochen hatte, sogleich zusammenzog, bis es im Raum wieder finster war, außer ganz nahe um ihn herum. In diesem Augenblick sah ich gleichsam einen Schacht sich bis in den Himmel öffnen, und der Besucher fuhr in die Höhe auf, bis er ganz verschwunden war; im Zimmer war es jetzt wieder so wie früher, bevor das himmlische Licht sich gezeigt hatte.

44.Ich lag da und sann über dieses einzigartige Geschehnis nach und wunderte mich sehr über das, was mir dieser ungewöhnliche Bote gesagt hatte. Da, mitten in meinem Nachdenken, bemerkte ich plötzlich, daß es im Zimmer abermals anfing hell zu werden, und gleichsam im nächsten Augenblick stand derselbe Himmelsbote wieder an meinem Bett.

45.Er hob an und sagte mir genau dasselbe, was er mir bei seinem ersten Besuch gesagt hatte, ohne die geringste Abweichung. Danach unterrichtete er mich über Gottes Strafgericht, das mit großer Verwüstung durch Hungersnot, Schwert und Seuche über die Erde kommen werde, und dieses schmerzliche Strafgericht werde in dieser Generation über die Erde kommen. Nachdem er mir dies mitgeteilt hatte, fuhr er wieder, wie zuvor, in die Höhe auf.

46.Dies hatte mich nun so tief beeindruckt, daß mich der Schlaf floh und ich wach dalag, überwältigt von Bestürzung über das, was ich gesehen und gehört hatte. Wie groß war aber meine Überraschung, als ich denselben Boten wiederum an meinem Bett erblickte und all das wiederholen hörte, was er mir schon zuvor gesagt hatte! Er fügte noch eine Warnung hinzu und sagte, der Satan werde mich - wegen der ärmlichen Verhältnisse in meines Vaters Familie - in Versuchung führen wollen, nämlich daß ich die Platten an mich nähme, um reich zu werden. Dies verbot er mir. Er sagte, wenn ich die Platten erhielte, dürfe ich nichts anderes im Sinn haben, als Gott zu verherrlichen; ich dürfe keinen anderen Beweggrund haben als den, das Reich Gottes aufzubauen; denn sonst würde ich sie nicht bekommen.

47.Nach dem dritten Besuch fuhr er in den Himmel auf wie zuvor, und ich war wieder allein und konnte über all das Seltsame nachdenken, das ich soeben erlebt hatte. Aber kaum war der Himmelsbote zum dritten Male von mir aufgefahren, da krähte der Hahn und ich wurde gewahr, daß es Tag wurde. Diese Besuche mußten somit die ganze Nacht gedauert haben.

48.Kurz darauf erhob ich mich und ging wie gewöhnlich an die notwendige Tagesarbeit; als ich aber zu arbeiten anfing wie sonst, war ich derart erschöpft, daß ich zu nichts fähig war. Mein Vater, der mit mir zusammen arbeitete, bemerkte, daß mit mir etwas nicht in Ordnung war, und schickte mich nach Hause. Ich machte mich auf und wollte zum Haus hingehen; als ich aber am Rande des Ackers, auf dem wir arbeiteten, den Zaun übersteigen wollte, verließen mich die Kräfte und ich fiel hilflos zu Boden; eine Zeitlang war ich gänzlich bewußtlos.

49.Das erste, woran ich mich erinnern kann, war eine Stimme, die zu mir sprach und mich beim Namen rief. Ich schaute auf und sah den gleichen Boten über meinem Haupt stehen, von Licht umgeben wie zuvor. Noch einmal wiederholte er alles, was er mir in der vergangenen Nacht gesagt hatte; er gebot mir, zu meinem Vater zu gehen und ihm von der Vision und den Weisungen, die ich empfangen hatte, zu berichten.

50.Ich gehorchte, ging zu meinem Vater auf den Acker zurück und erzählte ihm alles. Seine Antwort war, es sei von Gott und ich solle hingehen und tun, was der Bote mir geboten hatte. Ich ging von dem Acker weg und an den Ort, wo nach den Worten des Boten die Platten aufbewahrt waren; dank der Deutlichkeit der Vision, die ich davon gehabt hatte, erkannte ich die Stelle sofort, als ich dort ankam.

51.Nicht weit von der Ortschaft Manchester, Kreis Ontario im Staate New York, erhebt sich ein Hügel von beträchtlicher Größe, der höchste in der ganzen Umgebung. An seiner Westseite, nur wenig unterhalb der Kuppe, lagen die Platten unter einem Stein von beträchtlicher Größe. Sie waren in einem steinernen Behälter gelagert. Der Stein war an der Oberseite abgerundet, dick in der Mitte und gegen den Rand hin dünner, so daß der mittlere Teil über dem Erdboden sichtbar war; der Rand rundum war in der Erde eingebettet.

52.Nachdem ich die Erde entfernt hatte, suchte ich mir einen Hebel, setzte ihn unter dem Rand des Steines an und hob ihn ohne viel Anstrengung hoch. Ich schaute hinein, und da sah ich tatsächlich die Platten, den Urim und Tummim sowie den Brustschild, ganz so, wie der Bote es gesagt hatte. Der Behälter, worin dies lag, war durch Steine gebildet, die mit einer Art Zement aneinandergefügt worden waren. Auf dem Boden des Behälters waren zwei Steine querüber gelegt, und auf diesen Steinen lagen die Platten und die anderen Gegenstände.

53.Ich machte mich daran, sie herauszunehmen, aber der Bote untersagte es mir; abermals bekam ich zu hören, daß die Zeit, sie ans Licht zu bringen, noch nicht gekommen sei - erst vier Jahre darauf werde es soweit sein. Er sagte mir aber, ich solle in genau einem Jahr wieder an die gleiche Stelle kommen und er werde mich dann dort treffen. Ich solle dies so lange fortsetzen, bis die Zeit gekommen sei, wo ich die Platten erhalten werde.

54.Ich ging daher, wie mir geboten worden war, immer nach Ablauf eines Jahres dorthin, und jedesmal fand ich den gleichen Boten dort vor und empfing von ihm bei jeder Besprechung Anweisungen und Auskunft darüber, was der Herr vorhabe und wie und auf welche Weise sein Reich in den letzten Tagen zu leiten sei.

55.Mein Vater lebte in sehr bescheidenen Verhältnissen, und so waren wir genötigt, mit unseren Händen zu arbeiten: wir verdingten uns im Taglohn oder auf andere Weise, wie sich uns die Gelegenheit bot. Manchmal waren wir daheim, manchmal auswärts, und durch ständige Arbeit konnten wir uns einen ausreichenden Lebensunterhalt beschaffen.

56.Im Jahr 1824 wurde meines Vaters Familie durch den Tod Alvins, meines ältesten Bruders, von schwerem Leid betroffen. Im Oktober 1825 verdingte ich mich bei einem alten Herrn namens Josiah Stoal, der im Landkreis Chenango im Staate New York lebte. Er hatte von einer Silbermine gehört, die von den Spaniern in Harmony, Kreis Susquehenna in Pennsylvanien, erschlossen worden sei, und er hatte, noch ehe ich bei ihm Arbeit annahm, zu graben begonnen, um wenn möglich die Mine zu entdecken. Nachdem ich zu ihm gezogen war, ließ er mich mit seinen übrigen Arbeitern nach der Silbermine graben; wir blieben ungefähr einen Monat bei dieser Arbeit, ohne daß unser Unternehmen Erfolg hatte. Schließlich konnte ich den alten Herrn dazu bringen, daß er die Grabungen einstellte. So entstand die weitverbreitete Fabel, ich sei ein Schatzgräber gewesen.

57.Während ich auf diese Weise arbeitete, hatte ich einen Kostplatz bei einem Herrn Isaac Hale am gleichen Ort; dort sah ich meine Frau (seine Tochter) Emma Hale zum erstenmal. Am 18. Januar 1827 wurden wir getraut; ich war zu dieser Zeit noch im Dienst des Herrn Stoal.

58.Weil ich immer wieder darauf bestand, daß ich eine Vision gehabt hatte, eilte mir die Verfolgung auch hierher nach, und die Familie des Vaters meiner Frau war sehr dagegen, daß wir heirateten. Ich war darum genötigt, mich mit ihr woanders hinzubegeben. Wir machten uns also auf und wurden im Haus des Friedensrichters Tarbill in South Bainbridge, Kreis Chenango im Staate New York, getraut. Sogleich nach der Hochzeit verließ ich Herrn Stoal und zog zu meinem Vater, dem ich während der warmen Jahreszeit bei der Landarbeit half.

59.Endlich kam der Tag, wo ich die Platten, den Urim und Tummim sowie den Brustschild erhalten sollte. Am 22. September 1827 - wie gewohnt war ich nach Ablauf eines Jahres wiederum an den Ort gegangen, wo sich die Platten befanden - übergab derselbe Himmelsbote sie mir mit der folgenden Ermahnung: Ich solle für sie verantwortlich sein; wenn sie mir aus Unbedacht oder durch irgendeine Nachlässigkeit meinerseits abhanden kommen sollten, würde ich ausgetilgt werden; wenn ich aber alle meine Kräfte dafür einsetzen wolle, sie zu bewahren, bis er, der Bote, sie wieder abholte, würden sie geschützt sein.

60.Bald fand ich raus, warum ich diese so strenge Weisung erhalten hatte, sie sicher zu bewahren, und weshalb der Bote gesagt hatte, er werde die Platten wieder abholen, sobald ich vollbracht habe, was mir aufgetragen sei. Kaum war bekanntgeworden, daß sie sich in meinem Besitz befanden, als auch schon die heftigsten Anstrengungen unternommen wurden, sie mir wegzunehmen. Zu diesem Zweck wurde jede nur erdenkliche List angewandt. Ich wurde gehässiger und heftiger verfolgt als zuvor, und eine Menge Leute waren ständig darauf aus, mir wenn möglich die Platten wegzunehmen. Aber dank der Weisheit Gottes blieben sie sicher in meiner Hand, bis ich mit ihnen vollbracht hatte, was von mir gefordert war. Als der Bote, wie vereinbart, sie abholen kam, übergab ich sie ihm, und er hat sie bis zum heutigen Tag, dem 2. Mai 1838, in seiner Obhut.

61.Die Erregung hielt an, und das Gerücht mit seinen tausend Zungen war die ganze Zeit emsig dabei, Unwahrheiten über meines Vaters Familie und über mich in Umlauf zu setzen. Wenn ich auch nur den tausendsten Teil davon erzählen wollte, würde es Bücher füllen. Die Verfolgung wurde aber so unerträglich, daß ich genötigt war, aus Manchester wegzugehen und mich mit meiner Frau in den Kreis Susquehanna im Staate Pennsylvanien zu begeben. Während der Vorbereitungen zum Aufbruch - wir waren sehr arm, und die Verfolgung machte uns schwer zu schaffen, so bestand wenig Aussicht, daß sich unsere Verhältnisse je bessern würden - fanden wir mitten in unserer Bedrängnis einen Freund in einem Herrn namens Martin Harris, der zu uns kam und mir als Reisehilfe fünfzig Dollar schenkte. Herr Harris wohnte in der Ortschaft Palmyra, Kreis Wayne im Staate New York; er war ein angesehener Landwirt.

62.Dank dieser Hilfe zur rechten Zeit war ich imstande, meinen Bestimmungsort in Pennsylvanien zu erreichen; und sofort nach meiner Ankunft begann ich, die Schriftzeichen von den Platten abzuschreiben. Ich kopierte eine beträchtliche Anzahl davon, und mit Hilfe des Urim und Tummim übersetzte ich einige. Ich tat dies in der Zeit zwischen meiner Ankunft im Haus meines Schwiegervaters, das war im Dezember, und dem darauffolgenden Februar.

63.In diesem Februar kam einmal der vorerwähnte Herr Martin Harris zu uns, nahm die Schriftzeichen, die ich von den Platten abgezeichnet hatte, an sich und machte sich damit nach der Stadt New York auf. Was sich dort in bezug auf ihn und die Schriftzeichen ereignete, will ich seinem eigenen Bericht entnehmen, den er mir bei seiner Rückkehr gab und der folgendermaßen lautete:

64."Ich ging in die Stadt New York und legte die Schriftzeichen, die übersetzt worden waren, zusammen mit ihrer Übersetzung dem Professor Charles Anthon vor, einem wegen seiner literarischen Bildung hochberühmten Mann. Professor Anthon erklärte, die Übersetzung sei richtig, und zwar richtiger als alles, was er bisher an Übersetzungen aus dem Ägyptischen gesehen habe. Dann zeigte ich ihm die noch nicht übersetzten Schriftzeichen, und er sagte, es seien ägyptische, kaldäische, assyrische und arabische; er sagte, es seien echte Schriftzeichen. Er gab mir eine Bescheinigung, worin er den Leuten in Palmyra bestätigte, daß es echte Schriftzeichen seien und daß auch die Übersetzung derer, die bereits übersetzt worden waren, richtig sei. Ich nahm die Bescheinigung und steckte sie in die Tasche und wollte gerade das Haus verlassen, als Herr Anthon mich zurückrief und mich fragte, auf welche Weise denn der junge Mann herausgefunden habe, daß an der Stelle, wo er sie dann gefunden habe, goldene Platten waren. Ich antwortete ihm, daß ein Engel Gottes es ihm offenbart habe.

65.Da sagte er zu mir: 'Lassen sie mich doch die Bescheinigung noch einmal sehen!' So nahm ich sie aus der Tasche und gab sie ihm. Er nahm sie, zerriß sie und sagte, so etwas wie Erscheinungen von Engeln gebe es nicht mehr, und wenn ich ihm die Platten brächte, würde er sie übersetzen. Ich teilte ihm mit, daß die Platten teilweise versiegelt seien und es mir verboten sei, sie zu bringen. Er entgegnete: 'Ein versiegeltes Buch kann ich nicht lesen.' Ich ging von ihm weg zu Dr. Mitchell, der das bekräftigte, was Professor Anthon hinsichtlich der Schriftzeichen und der Übersetzung gesagt hatte."

66.Am 5. April 1829 kam Oliver Cowdery in mein Haus; ich hatte ihn nie zuvor gesehen. Er sagte mir, er sei in der Gegend, wo mein Vater wohnte, als Schullehrer tätig gewesen, und da mein Vater zu denen gehörte, die ihre Kinder in jene Schule schickten, sei er eine Zeitlang bei ihm in Kost gewesen; bei dieser Gelegenheit habe ihm die Familie erzählt, auf welche Weise ich die Platten empfangen habe, und so sei er nun gekommen, um sich bei mir darüber zu erkundigen.

67.Zwei Tage nach der Ankunft des Herr Cowdery (das war am 7. April) begann ich mit der Übersetzung des Buches Mormon, und er fing an, für mich zu schreiben.

68.Wir waren noch immer mit der Übersetzungsarbeit befaßt, als wir im darauffolgenden Monat (Mai 1829) eines Tages in den Wald gingen, um zu beten und den Herrn wegen der Taufe zur Sündenvergebung zu befragen, die wir bei der Übersetzung der Platten erwähnt gefunden hatten. Während wir damit beschäftigt waren, zu beten und den Herrn anzurufen, kam ein Bote vom Himmel in einer Lichtwolke herab, legte uns seine Hände auf und ordinierte uns mit den folgenden Worten:

69."Euch, meinen Mitknechten, übertrage ich im Namen des Messias das Priestertum Aarons, das die Schlüssel des Dienstes von Engeln und die des Evangeliums der Umkehr und die der Taufe durch Untertauchen zur Sündenvergebung innehat; und es wird nicht mehr von der Erde genommen werden, bis die Söhne Levi dem Herrn wieder Opfer darbringen in Rechtschaffenheit."

70.Er sagte, dieses Aaronische Priestertum habe nicht die Macht, zur Gabe des Heiligen Geistes die Hände aufzulegen, aber diese Macht werde uns später noch übertragen werden. Er wies uns an, uns gleich taufen zu lassen, und gab uns den Auftrag, ich solle Oliver Cowdery taufen, und danach solle er mich taufen.

71.Also unterzogen wir uns gleich der Taufe. Zuerst taufte ich ihn, dann taufte er mich, und danach legte ich ihm meine Hände auf den Kopf und ordinierte ihn zum Aaronischen Priestertum; dann legte er mir seine Hände auf und ordinierte mich zum selben Priestertum - denn so war es uns geboten worden.

72.Der Bote, der uns damals besuchte und uns dieses Priestertum übertrug, sagte, er heiße Johannes, der nämliche, der im Neuen Testament Johannes der Täufer genannt werde, und er wirke auf Weisung von Petrus, Jakobus und Johannes; diese hätten die Schlüssel des Priestertums des Melchisedek inne, und dieses Priestertum, so sagte er, werde uns zur bestimmten Zeit übertragen werden; ich solle dann der Erste Älteste der Kirche genannt werden und er (Oliver Cowdery) der Zweite. Es war am 15. Mai 1829, daß wir von diesem Boten ordiniert wurden und daß wir getauft wurden.

73.Als wir, nachdem wir getauft waren, wieder aus dem Wasser kamen, erlebten wir sogleich große und herrliche Segnungen von unserem himmlischen Vater. Kaum hatte ich Oliver Cowdery getauft, als der Heilige Geist über ihn kam und er aufstand und vieles prophezeite, was in Kürze geschehen werde. Ebenso, kaum war ich von ihm getauft worden, hatte auch ich den Geist der Prophezeiung; ich stand auf und prophezeite den Aufstieg dieser Kirche und vieles andere, was mit der Kirche und dieser Generation der Menschenkinder zusammenhing. Wir waren voll des Heiligen Geistes und freuten uns über den Gott unserer Errettung.

74.Da unser Verstand nun erleuchtet war, fingen wir an, die Heiligen Schriften immer besser zu verstehen, und die wahre Bedeutung und Absicht mancher sonst rätselhaften Stelle wurde uns auf eine Weise offenbar, die wir zuvor nie hatten erreichen können, ja, an die wir bisher überhaupt nicht gedacht hatten. Inzwischen waren wir gezwungen, die Tatsache, daß wir das Priestertum empfangen hatten und getauft worden waren, geheimzuhalten, weil sich in der Nachbarschaft schon wieder ein Geist der Verfolgung bemerkbar gemacht hatte.

75.Es wurde uns von Zeit zu Zeit mit Ausschreitungen des Pöbels gedroht, und dies sogar von Persönlichkeiten, die sich zur Religion bekannten; und ihre Absicht, gegen uns mit Gewalt vorzugehen, wurde (dank göttlicher Vorsehung) nur durch den Einfluß der Familie meines Schwiegervaters vereitelt. Diese war zu mir sehr freundlich geworden und stellte sich gegen den Pöbel; sie wollte mir auch zugestanden wissen, daß ich die Übersetzungsarbeit ohne Unterbrechung fortsetzen könne, weshalb sie uns anerbot und versprach, uns vor jeder ungesetzlichen Handlung zu schützen, soweit das in ihrer Macht lag.

 

Oliver Cowdery beschreibt diese Ereignisse wie folgt: "Das waren unvergeßliche Tage - dazusitzen und einer Stimme lauschen zu dürfen, die unter der Eingebung des Himmels sprach, das erfüllte mein Herz mit tiefster Dankbarkeit! Tag für Tag, ohne Unterbrechung, schrieb ich immerfort nieder, was von seinen Lippen fiel, als er mit dem Urim und Tummim, oder, wie die Nephiten gesagt hätten, den 'Übersetzern' diese Aufzeichnungen, nämlich das Buch Mormon, übersetzte.

Auf den interessanten Bericht, den Mormon und sein getreuer Sohn Moroni von einem Volk geben, das dereinst vom Himmel geliebt und begünstigt wurde, auch nur mit wenigen Worten einzugehen, würde weit über das Ziel hinausgehen, das ich mir hier gesteckt habe. Ich werde das daher auf eine spätere Zeit verschieben und, wie schon in der Einleitung erwähnt, ohne Umschweife auf einige wenige Ereignisse zu sprechen kommen, die mit dem Aufstieg dieser Kirche unmittelbar zusammenhängen. Dies möge jenen Tausenden, die unter den finsteren Blicken von Frömmlern und der bösen Nachrede von Heuchlern vorgetreten sind und das Evangelium Christi angenommen haben, zur Freude dienen.

Niemand könnte mit nüchternen Sinnen die Weisungen übersetzen und niederschreiben, die der Heiland mit eigenem Mund den Nephiten gegeben hat und worin er ihnen genau darlegt, auf welche Weise die Menschen seine Kirche aufrichten sollen - besonders zu einer Zeit, wo die Verderbtheit sämtliche von Menschen praktizierten Formen und Systeme ins Wanken bringt -, ohne zugleich den Wunsch zu haben, die Bereitschaft seines Herzens dadurch zu beweisen, daß er sich ins Wassergrab legen läßt, um 'einem guten Gewissen durch die Auferstehung Jesu Christi' zu entsprechen.

Nachdem der Bericht vom Wirken des Heilands unter dem Überrest der Nachkommen Jakobs auf diesem Kontinent niedergeschrieben war, konnte man, wie der Prophet es schon zum Ausdruck gebracht hatte, leicht erkennen, daß Finsternis die Erde bedeckte und eine schwere Finsternis den Geist des Volkes. Bei weiterem Nachsinnen konnte man leicht erkennen, daß selbst in dem großen Streit und Lärm um die Religion niemand von Gott bevollmächtigt war, die Verordnungen des Evangeliums zu spenden. Denn man darf wohl fragen: Hat denn ein Mensch die Vollmacht, im Namen Christi zu wirken, wenn er Offenbarung leugnet, wo doch das Zeugnis Gottes nichts anderes ist als der Geist der Prophezeiung und seine Religion sich zu allen Zeitaltern, wo es das Gottesvolk auf Erden gegeben hat, auf unmittelbare Offenbarung gegründet hat und durch diese aufgebaut und genährt wird? Wenn diese Tatsachen vergraben und sorgfältig versteckt waren, und zwar von Männern, deren Handwerk in Gefahr geraten wäre, wenn man die Wahrheit auch nur einmal den Menschen ins Gesicht hätte leuchten lassen, so war das doch  für uns nicht mehr der Fall, und wir warteten nur darauf, daß das Gebot ergehe: 'Steht auf und laßt euch taufen!'

Dieser Wunsch ging bald in Erfüllung. Der Herr, reich an Gnade und immer willens, das beständige Gebet der Demütigen zu erhören, ließ sich herab, uns seinen Willen kundzutun, nachdem wir ihn, fern von den Wohnstätten der Menschen, inbrünstig angerufen hatten. Ganz plötzlich, wie mitten aus der Ewigkeit, sprach uns die Stimme des Erlösers Frieden zu. Der Schleier teilte sich, und der Engel Gottes kam herab, angetan mit Herrlichkeit, und überbrachte uns die schmerzlich ersehnte Botschaft sowie die Schlüssel des Evangeliums der Umkehr. Welche Freude! Welches Erstaunen! Welche Verwunderung! Während die Welt sich quälte und in Unruhe war, während Millionen umhertappten wie ein Blinder nach der Mauer und während alle Menschen insgesamt der Unsicherheit ausgeliefert waren, sahen unsere Augen, hörten unsere Ohren wie am hellsten Tag, ja, mehr noch, heller als der Glanz der Maiensonne, die damals ihre Strahlen über das Antlitz der Natur ergoß! Dann drang uns seine Stimme, sanft zwar, bis ins Herz, und die Worte 'Ich bin euer Mitknecht' zerstreuten alle Furcht. Wir horchten, wir staunten, wir bewunderten! Es war ja die Stimme eines Engels aus der Herrlichkeit, es war ja eine Botschaft des Allerhöchsten! Und im Hören frohlockten wir, während seine Liebe in unserem Herzen entbrannte und wir von der Vision des Allmächtigen umfangen waren! Wo war da noch Platz für Zweifel? Nirgends - die Unsicherheit war entschwunden, der Zweifel war dahingesunken und konnte sich nie mehr erheben, während Trug und Schein für immer geflohen waren!

Aber, lieber Bruder, überlege, und denke noch einen Augenblick lang nach, welche Freude unser Herz erfüllte und mit wieviel Überraschung wir uns wohl niederbeugten - denn wer hätte nicht das Knie gebeugt vor einer solchen Segnung? -, als wir unter seiner Hand das heilige Priestertum empfingen und er sagte: 'Euch, meinen Mitknechten, übertrage ich im Namen des Messias dieses Priestertum und die Vollmacht, die auf Erden verbleiben sollen, damit die Söhne Levi dem Herrn doch wieder Opfer darbringen können in Rechtschaffenheit.'

Ich will nicht versuchen, dir die Gefühle meines Herzens auszumalen, auch nicht die majestätische Schönheit und Herrlichkeit, wovon wir damals umgeben waren; aber du wirst mir glauben, wenn ich sage, daß kein Mensch auf Erden, und sei es mit der Beredsamkeit aller Zeiten, imstande ist, sich mit Worten so aufschlußreich und erhebend auszudrücken wie jenes heilige Wesen. Nein, und die Erde vermag auch nicht, die Freude und den Frieden zu schenken und die Weisheit zu erfassen, die in jedem Satz enthalten waren, der mit der Macht des Heiligen Geistes ausgesprochen wurde! Der Mensch mag seine Mitmenschen täuschen, und eine Täuschung mag auf die andere folgen, und die Kinder des Bösen mögen die Macht haben, die Törichten und Unbelehrten zu verführen, bis nichts als Schein die Menge speist und die Frucht der Unwahrheit wie ein Strom die Schwankenden ins Grab fegt - aber eine einzige Berührung mit dem Finger seiner Liebe, ja, ein einziger Strahl der Herrlichkeit aus der höheren Welt oder auch nur ein Wort aus dem Mund des Heilands, aus dem Schoß der Ewigkeit, läßt alles zur Bedeutungslosigkeit schrumpfen und löscht es für immer aus unserem Sinn. Die Gewißheit, daß wir in der Gegenwart eines Engels waren, das sichere Bewußtsein, daß wir die Stimme Jesu gehört hatten, und die ungetrübte Wahrheit, überbracht von einem heiligen Wesen und nach dem Willen Gottes - das alles zu beschreiben, fehlen mir die Worte, und ich werde immer voll Verwunderung und Dankbarkeit auf diese Kundgebung der Güte unseres Heilands blicken, solange es mir vergönnt ist, auf Erden zu verweilen. Und in den Wohnungen im Jenseits, wo die Vollkommenheit weilt und die Sünde niemals Einlaß findet, hoffe ich an dem nie endenden Tag anbeten zu dürfen."

Times and Seasons, 2 Jhrg. S. 201

 

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