![]() DER TEMPEL UND SEINE GESCHICHTE James E. Talmage Sowohl von der Ableitung als auch vom allgemeinen Sprachgebrauch her hat der Begriff “Tempel" in seiner buchstäblichen Anwendung ehe ein begrenzte und spezifische Bedeutung. Im wesentlichen wird der Tempel seit jeher als Stätte verstanden, die besonders für heilige Dienste vorgesehen und real oder mutmaßlich heilig ist; in einem engeren Sinn ist ein Tempel eh Gebäude das eigens für heilige Riten und Zeremonien errichtet und ausschließlich ihnen gewidmet ist. Das lateinische templum entsprach dem hebräischen beth elohim und bezeichnete die Wohnstätte der Gottheit; es bedeutete also im Zusammenhang mit dem Gottesdienst buchstäblich das HAUS DES HERRN. Gebäude, die ganz oder teilweise als Heiligtum galten, wurden h verschiedenen Zeitaltern errichtet, und zwar sowohl von Götzenanbetern als auch von den Anhängern des wahren und lebendigen Gottes. Die heidnischen Tempel des Altertums galten als Wohnort der mythischen Götter und Göttinnen, deren Namen sie trugen und deren Dienst das Gebäude geweiht war. Während die Umgebung eines solchen Tempels als Ort für allgemeine Versammlungen und öffentliche Zeremonien benutzt wurde, gab es immer einen inneren Bereich, in den nur geweihte Priester eintreten durften und wo sich, wie behauptet wurde, die Gegenwart der Gottheit kundtat. Als Beweis für die Vorrangstellung des Tempels, selbst wenn er heidnischen Ursprungs war, sehen wir, daß der Altar für den heidnischen Gottesdienst nicht innerhalb des eigentlichen Tempels stand, sondern vor dem Eingang. Der Tempel galt nie als Ort für die gewöhnliche öffentliche Versammlung, sondern als heiliger Bezirk, der den aller heiligsten Zeremonien des jeweiligen Ritus vorbehalten war, ob götzendienerisch oder göttlichen Ursprungs, und für den der Tempel sichtbares, materielles Symbol war. In alter Zeit unterschied sich das Volk Israel von den anderen Völkern als Erbauer von Heiligtümern, die dem Namen des lebendigen Gottes geweiht waren. Diesen Dienst forderte Jahwe, dem sie ja erklärter maßen dienten, ausdrücklich von ihnen. Die Geschichte Israels als Volk begann mit dem Exodus. In den beiden Jahrhunderten der Sklaverei in Ägypten waren die Kinder Jakobs zu einem zahlreichen und mächtigen Volk angewachsen; trotzdem befanden sie sich in Knechtschaft. Im Laufe der Zeit stiegen ihr Kummer und Flehen allerdings zum Herrn auf und er führte sie mit dem ausgestreckten Arm seiner Macht fort. Sobald sie der götzendienerischen ägyptischen Umgebung entronnen waren, wurde von ihnen verlangt, daß sie ein Heiligtum bauten, worin Jahwe sehe Gegenwart kundtun und seinen Willen als anerkannter Herr und König offenbaren konnte. Das Offenbarungszelt, das Israel seit seiner Errichtung in der Wildnis und von da an durch die Zeit der Wanderschaft und die folgenden Jahrhunderte als das Heiligtum Jahwes galt, war nach einem genau offenbarten Plan errichtet worden. Es war kompakt und tragbar, wie es die Wanderschaft erforderte. Es war zwar nur ein Zelt, aber doch aus den erlesensten und kostbarsten Materialien hergestellt, die das Volk besaß. Das war nur angemessen, denn das fertige Zelt war das Opfer dieses Volkes für den Herrn. Die Ausführung war bis ins kleinste Detail vorgeschrieben worden, sowohl was die Arbeit als auch was das Material betraf; es war in jeder Hinsicht das Beste, was das Volk zu geben vermochte, und Jahwe heiligte das ihm dargebotene Opfer durch seine Annahme. Nebenbei bemerkt, wollen wir nicht vergessen, daß Gott ehe Gabe, ob von einem Menschen oder einem Volk, immer als die beste gilt, wenn sie bereitwillig und in reiner Absicht gegeben wird, so ärmlich sie im Vergleich auch aussehen mag. Außerhalb des Offenbarungszelts, doch innerhalb des umgebenden Hofs, standen der Opferaltar und das Waschbecken. Die erste Abteilung des eigentlichen Offenbarungszelts war ein Vorraum, das Heilige; dahinter lag, den Blicken durch einen zweiten Schleier verborgen, das Allerheiligste. Nach der vorgeschriebenen Ordnung konnten nur die Priester den äußeren Bereich betreten; ins Innerste, ins Allerheiligste, durfte nur der Hohepriester eintreten und auch das nur einmal im Jahr und nach einem langen Prozeß der Reinigung und Heiligung. (Siehe Hebräer 9:1-7; Levitikus 16.) Zu den heiligsten Beigaben des Offenbarungszelts zählte die Bundeslade, eine Truhe aus dem besten verfügbaren Holz, mit reinem Gold überzogen und ausgekleidet und mit vier goldenen Ringen versehen, die unterwegs zum Transport der Bundeslade benutzt wurden. Die Bundeslade enthielt bestimmte Gegenstände, die als heilig galten, beispielsweise den goldenen Behälter mit dem Manna, das zur Erinnerung aufbewahrt wurde; später kam der Stab Aarons dazu, der Blätter getrieben hatte, dann die Steintafeln, die von der Hand Gottes beschrieben worden waren. Wenn das Offenbarungszelt im Lager Israels aufgestellt wurde, wurde die Bundeslade innerhalb des inneren Schleiers, im Allerheiligsten, aufgestellt. Auf der Bundeslade befand sich eine Deckplatte mit zwei Kerubim aus reinem Gold, von der her der Herr sich kundtat, wie schon vor dem Bau des Offenbarungszelts und der Bundeslade verheißen worden war: ,,Dort werde ich mich dir zu erkennen geben und dir über der Deckplatte zwischen den beiden Kerubim, die auf der Lade der Bundesurkunde sind, alles sagen, was ich dir für die Israeliten auftragen werde. ( Exodus 25:22.) Als Israel sich im gelobten Land niedergelassen hatte, nachdem es vierzig Jahre in der Wüste umhergezogen war, besaß das Bundesvolk endlich ein eigenes Land, und das Offenbarungszelt erhielt in Schilo einen Ruheplatz; dorthin kamen dann die Stämme, um den Willen und das Wort Gottes zu erfahren. (Siehe Josua 18:1; 19:51; 21:2; Richter 18:3f 1 Sarnuel 1:3,24; 4:3,4.) Später wurde sie nach Gibeon gebracht (siehe 1 Chronik 21:29; 2 Chronik 1:3) und noch später in die Stadt Davids, nach Zion (2 Samuel 6:12; 2 Chronik 5:2). David, der zweite König Israels, wünschte sich, dem Herrn ein Haus zu bauen, und stellte auch Pläne dafür auf; er sagte, es sei nicht richtig, daß er, der König, in einem Haus aus Zedernholz wohne, während das Heiligtum Gottes bloß ein Zelt sei (siehe 2 Samuel 7:2). Doch der Herr sprach durch den Mund des Propheten Natan: er lehnte das vorgeschlagene Opfer ab und machte deutlich, daß nicht nur die Gabe angemessen sein mußte, damit er sie annahm, sondern daß auch der Geber würdig sein mußte. David, der König Israels, war zwar in mancher Hinsicht ein Mann nach Gottes Wünschen, hatte aber gesündigt, und seine Sünde war noch nicht gesühnt. Also sprach der König: ,,lch selbst hatte vor, für die Bundeslade des Herrn, den Fußschemel unseres Gottes, eine Ruhestätte zu errichten, und traf Vorbereitungen für den Bau. Doch Gott sprach zu mir: Du sollst meinem Namen kein Haus bauen; denn du hast Kriege geführt und Blut vergossen." (1 Chronik 28:2,3; siehe auch 2. Samuel 7:1-13.) Allerdings wurde David gestattet, Baumaterial für das Haus des Herrn zu sammeln, das nicht er sondern sein Sohn Salomo bauen sollte. Salomo machte sich auch bald nach seiner Thronbesteigung an die Arbeit, die ihm als Erbteil und Ehre mit der Krone zugefallen war. Im vierten Jahr seiner Regierung legte er die Grundlage, und das Gebäude war nach siebeneinhalb Jahren fertig. Mit dem großen Reichtum, den sein königlicher Vater angesammelt hatte und der speziell für den Tempelbau bestimmt war, konnte Salomo die bekannte Welt hinzuziehen und sich für dieses große Unternehmen die Mitarbeit anderer Völker sichern. Die Errichtung des Tempels Salomos war ein epochales Ereignis, nicht nur in der Geschichte Israels, sondern in der der ganzen Welt. Es wird allgemein davon ausgegangen, daß der Tempel etwa 1005 v.Chr. fertiggestellt war. Die Weihungsgottesdienste dauerten sieben Tage, eine Woche heiliger Freude in Israel. Mit dem gebührenden Zeremoniell wurden das Offenbarungszelt und die heilige Bundeslade in das innere Heiligtum, das Allerheiligste, gebracht. Daß der Herr den Tempel gnädig annahm, tat sich durch die Wolke kund, die die heiligen Kammern erfüllte, nachdem die Priester sich zurückgezogen hatten: ,,Die Priester konnten wegen der Wolke ihren Dienst nicht verrichten; denn die Herrlichkeit des Herrn erfüllte das Haus Gottes." (2 Chronik 5:14; siehe auch 2 Chronik 7:1,2; Exodus 40:35.) Die hervorragende Stellung dieses glanzvollen Gebäudes war von kurzer Dauer. Vierunddreißig Jahre nach der Weihung und nur fünf Jahre nach dem Tod Salomos begann sein Verfall; diesem Verfall folgte bald die Plünderung und schließlich die endgültige Entweihung. Salomo, der König, der Weise, der bedeutende Bauherr, hatte sich durch die Schlauheit götzendienerischer Frauen verführen lassen und durch seine Abtrünnigkeit das Übeltun in Israel gefördert. Das Volk war keine Einheit mehr; es gab Splittergruppen und Sekten, Parteien und verschiedene GIaubensrichtungen; manche beteten auf den Hügeln an, andere unter grünen Bäumen, und jede beanspruchte für ihr Heiligtum den Vorrang. Der Tempel verlor bald seine Heiligkeit. Die Gabe wurde durch die Treulosigkeit des Gebers abgewertet und Jahwe zog aus der Stätte, die nicht länger heilig war, seine schützende Gegenwart zurück, Den Ägyptern, aus deren Knechtschaft das Volk befreit worden war, wurde es wieder gestattet, Israel zu unterdrücken. Schischak, der König von Ägypten, eroberte Jerusalem, die Stadt Davids und des Tempels, und ,,raubte die Schätze des Tempels". (Siehe 1 Könige 14:25,26.) Ein Teil des einstmals heiligen Mobiliars, das die Ägypter übriggelassen hatten, wurde von anderen gestohlen und Götzen geweiht. (Siehe 2 Chronik 24:7.) Diese Entweihung ging die Jahrhunderte hindurch weiter. Zweihundertsechzehn Jahre nach der Plünderung durch die Ägypter raubte Ahas, König von Juda, einige der verbliebenen Schätze aus dem Tempel und schickte einen Teil des verbliebenen Goldes und Silbers einem heidnischen König, dessen Gunst er zu erlangen hoffte. Außerdem entfernte er den Altar und das Waschbecken und ließ nur ein Haus zurück, wo einmal ein Tempel gestanden hatte. (Siehe 2 Könige 16:7-9,17,18; 2 Chronik 28:24,25.) Später vollendete Nebukadnezzar, der König von Babylon, die Entweihung des Tempels und schaffte die wenigen verbliebenen Schätze fort. Dann zerstörte er das Gebäude durch Feuer, (Siehe 2 Chronik 36:18,19; 2 Könige 24:13; 25:9.) So hatte Israel sechshundert Jahre vor dem irdischen Kommen unseres Herrn keinen Tempel mehr. Das Volk war gespalten; es gab zwei Reiche - Israel und Juda -, die miteinander verfeindet waren; sie waren alle dem Götzendienst und der Schlechtigkeit verfallen; der Herr hatte sie und ihr Heiligtum verworfen. Das Reich Israel, zu dem nur zehn der zwölf Stämme gehörten, war gegen 721 v.Chr. von Assyrien unterworfen worden. Ein Jahr- hundert später wurde das Reich Juda von den Babyloniern unterworfen. Siebzig Jahrelang verblieb das Volk Juda, hernach als die Juden bekannt in der Gefangenschaft, wie ihm vorhergesagt worden war. (Siehe Jeremia 25:11,12; 29:10.) Dann wurde ihnen unter der milden Herrschaft des Kyrus (siehe Esra 1,2) und des Darins (siehe Esra 6) gestattet nach Jerusalem zurückzukehren und gemäß ihrem Glauben wieder einen Tempel zu errichten. Zum Gedenken an den Leiter dieses Unternehmens wurde das Bauwerk als Tempel des Serubbabel bekannt. Das Fundament wurde in einer feierlichen Zeremonie gelegt; alte Juden, die sich noch an den früheren Tempel erinnern konnten, weinten vor Freude. (Siehe Esra 3:12,13.) Trotz juristischer Schwierigkeiten (siehe Esra 4:4-24) und anderer Hindernisse ging das Werk weiter, und die Juden hatten innerhalb von zwanzig Jahren nach ihrer Rückkehr aus der Gefangenschaft einen Tempel, der bereit war für die Weihung. Der Tempel des Serubbabel wurde 515 v.Chr. fertiggestellt, und zwar am dritten Tag des Monats Adar, im sechsten Jahr der Herrschaft des Königs Danus. Die Weihungsgottesdienste schlossen sich unmittelbar daran an. (Siehe Esra 6:15-22.) Der Tempel war zwar bei weitem nicht so prächtig wie der Tempel Salomos, was die Ausführung und Ausstattung betraf, doch war er das Beste, was das Volk zustande bringen konnte, und der Herr nahm ihn als Opfer an, das die Liebe und Hingabe seiner Bundeskinder symbolisierte. Als Beweis seiner Annahme können wir das Wirken solcher Propheten wie Sacharja, Haggai und Maleachi in seinen Mauern ansehen. Etwa sechzehn Jahre vor der Geburt Christi begann Herodes 1., König von Judäa, den bis dahin zerfallenen Tempel des Serubbabel wieder aufzubauen. Fünfhundert Jahre hatte das Bauwerk gestanden und war zweifellos hauptsächlich der Zeit zum Opfer gefallen. Viele Ereignisse im frühen Leben des Herrn haben mit dem Tempel des Herodes zu tun. Aus der heiligen Schrift geht hervor, daß Christus sich zwar gegen den verkommenen, kommerziellen Gebrauch des Tempels aussprach, daß er aber die Heiligkeit dieser Stätte anerkannte. Der Tempel des Herodes war ein heiliges Gebäude; mit welchem Namen es auch bezeichnet wurde, für ihn war es das Haus des Herrn. Als dann das tragische Ereignis auf dem Kalvarienberg geschah, als endlich vom Kreuz der schmerzerfüllte Schrei ,,Es ist vollbracht" aufstieg, zerriß der Vorhang im Tempel, und das einstige Allerheiligste war entblößt. Die völlige Zerstörung des Tempels war vom Herrn vorhergesagt worden, als er noch im Fleisch lebte. (Siehe Matthäus 24:2; Markus 13:2; Lukas 21:6.) Im Jahr 70 n.Chr. wurde der Tempel durch Feuer völlig zerstört, als die Römer unter Titus Jerusalem eroberten. Der Tempel des Herodes war der letzte Tempel, der im Altertum in der östlichen Erdhälfte errichtet wurde. Von der Zerstörung dieses bedeutenden Gebäudes bis zur Wiederherstellung der Kirche Jesu Christi im neunzehnten Jahrhundert ist nur in den nephitischen Aufzeichnungen etwas über den Bau von Tempeln zu lesen. Im Buch Mormon wird bestätigt, daß die Nephiten auf dem heutigen amerikanischen Kontinent Tempel bauten; wir wissen aber nur wenig über die Konstruktion und noch weniger darüber, was für heilige Handlungen in diesen Tempeln vollzogen wurden. Das Volk baute um 570 v.Chr. einen Tempel, der, wie wir lesen, nach dem Muster des Tempels Salomos errichtet wurde, allerdings in wesentlich kleinerem Stil. (Siehe 2 Nephi 5:16.) Es ist interessant, daß der auferstandene Herr die Nephiten um den Tempel herum versammelt antraf, als er ihnen erschien. (Siehe 3 Nephi 11:1.) Im Buch Mormon ist aber später nicht mehr von Tempeln die Rede, auch nicht mehr um die Zeit der Zerstörung des Tempels von Jerusalem; außerdem wurde das nephitische Volk innerhalb von vierhundert Jahren nach Christus vernichtet. Es ist also offensichtlich, daß es in beiden Erdhälften nach der Zeit des allgemeinen Abfalls vom Glauben keine Tempel mehr gab und die Vorstellung vom Tempel im ursprünglichen Sinn bei den Menschen unterging. Als unter der Herrschaft des Konstantin ein verderbtes Christentum zur Staatsreligion geworden war, wurde es immer noch völlig ignoriert, daß man eine Stätte brauchte, wo Gott sich offenbaren konnte. Gewiß wurden viele Gebäude errichtet, manche sehr kostspielig und prächtig. Manche wurden Petrus und Paulus, Jakobus und Johannes geweiht, andere Maria Magdalena und der Jungfrau; doch nicht ein einziges wurde mit Vollmacht und zu Ehren Jesu, des Messias, errichtet. Trotz der vielen Kapellen und Heiligtümer, Kirchen und Kathedralen hatte der Menschensohn keinen Platz, den er sein eigen nennen konnte. Es wurde verkündet, der Papst, der in Rom regierte, sei der Statthalter Christi. Ohne Offenbarung wurde er ermächtigt, den Willen Gottes zu verkünden. (Siehe Der große Abfall, 10. Kapitel.) Erst als im neunzehnten Jahrhundert das Evangelium mit sehen früheren Vollmachten und Rechten wiederhergestellt wurde, tat sich das heilige Priestertum wieder bei den Menschen kund. Schließlich ist die Vollmacht, im Namen Gottes zu sprechen und zu handeln, für einen Tempel unerläßlich und ist ein Tempel ohne die heilige Vollmacht des Priestertums nichts wert. Im Jahr unseres Herrn 1820 empfing Joseph Smith, der Prophet der letzten Evangeliumszeit, damals ein vierzehnjähriger Junge, eine göttliche Kundgebung (siehe Talmage, Die Glaubensartikel, 1. Kapitel), bei der sowohl der ewige Vater als auch sein Sohn Jesus Christus erschienen und den jungen Wahrheitssucher belehrten. Durch Joseph Smith wurde das Evangelium von früher wiederhergestellt und wurde das alte Gesetz neu aufgerichtet. Im Laufe der Zeit wurde durch den geistlichen Dienst des Propheten die Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage gegründet; ihre Gründung war von Kundgebungen der göttlichen Macht gekennzeichnet. (Siehe Die Glaubensartikel, 1. Kapitel.) Es ist eine bedeutsame Tatsache, daß diese Kirche, die sich ja als die Kirche des lebendigen Gottes bezeichnet, ihrem Anspruch getreu schon in der Frühzeit ihrer Geschichte damit begann, für die Errichtung eines Tempels zu sorgen. (Siehe LuB 36:8; 42:36; 133:2.) Die Kirche wurde am sechsten April 1830 als irdische Körperschaft gegründet, und im Juli des darauffolgenden Jahres wurde eine Offenbarung empfangen, in der als Platz für einen zukünftigen Tempel der Ort Independence in Missouri angegeben wurde. Der Bau eines Tempels an diesem erwählten Ort liegt noch vor uns, ebenso wie der Bau des Tempels in Far West in Missouri (siehe LuB 115:7-16), dessen Ecksteine 1838 gelegt wurden. Am ersten Juni 1833 gab der Herr in einer Offenbarung an den Propheten Joseph Smith die Anweisung, unverzüglich ein heiliges Haus zu bauen, in dem er seine erwählten Diener mit Macht und Vollmacht ausrüsten wollte. (Siehe LuB 95.) Die Mitglieder machten sich bereitwillig und hingebungsvoll an die Arbeit. Trotz bitterster Armut und erbarmungsloser Verfolgung wurde das Werk vollendet und im März 1836 in Kirtland der erste Tempel der Neuzeit geweiht. (Siehe LuB 109.) Die Weihungsgottesdienste waren von göttlichen Kundgebungen gekennzeichnet, denen vergleichbar, die die Weihung des ersten Tempels im Altertum begleiteten; später erschienen an der heiligen Stätte himmlische Wesen mit Offenbarungen des göttlichen Willens für die Menschen. An diesem Ort wurde der Herr Jesus wieder gesehen und gehört. (Siehe LuB 110:1-10.) Innerhalb von zwei Jahren nach der Weihung wurde der Tempel von denen verlassen, die ihn erbaut hatten; sie waren gezwungen, vor der Verfolgung zu fliehen, und mit ihrem Fortgang wurde der heilige Tempel zu einem gewöhnlichen Haus, das der Herr, dessen Namen es errichtet worden war, nicht mehr anerkannte. Das Gebäude steht noch immer. Die Heiligen der Letzten Tage zogen in den Westen der Vereinigten Staaten; zuerst ließen sie sich in Missouri nieder, später in llllinois, und Nauvoo wurde der Hauptsitz der Kirche. Kaum hatten sie sich an ihrem neuen Wohnort eingerichtet, da war wieder die Stimme der Offenbarung zu vernehmen, die das Volk aufrief, wieder ein Haus zu bauen, das dem Namen Gottes geweiht war. Die Ecksteine des Nauvoo Tempels wurden am 6. April 1841 gelegt, und der Schlußstein erhielt am 24. Mai 1845 seinen Platz; beide Ereignisse wurden mit einer feierlichen Versammlung und einem heiligen Gottesdienst begangen. Es war zwar offensichtlich, daß die Heiligen der Letzten Tage wieder fliehen und den Tempel schon bald nach seiner Fertigstellung aufgeben mußten, trotzdem arbeiteten sie mit aller Kraft und allem Eifer daran, das Gebäude zu vollenden und ordnungsgemäß einzurichten. Es wurde am 30. April 1846 geweiht, nachdem einzelne Bereiche wie der Taufraum bereits vorher geweiht und schon für heilige Handlungen benutzt worden waren. Viele der Heiligen empfingen ihre Segnungen und ihr heiliges Endowment im Nauvoo Tempel, obwohl ihr Exodus bereits vor seiner Fertigstellung begonnen hatte. Der Tempel wurde von denen aufgegeben, die ihn in Armut und unter Opfern errichtet hatten. Im November 1848 fiel er Brandstiftern zum Opfer, und im Mai 1830 zerstörte ein Wirbelsturm die verbliebenen geschwärzten Mauern. Am 24. Juli 1847 betraten die Mormonen die Täler Utahs, das noch mexikanisches Territorium war, und errichteten eine Siedlung, das heutige Salt Lake City. Vier Tage später deutete Brigham Young, ihr Prophet und Führer, auf eine Stelle in der Wüste, stieß seinen Stock in den trockenen Erdboden und verkündete: ,,Hier wird der Tempel unseres Gottes stehen." An diesem Ort steht jetzt der wunderschöne Tempel, um den herum die Stadt wuchs. Im Februar 1853 wurde der Ort in einem Gottesdienst geweiht, und am 6. April des darauffolgenden Jahres wurden in einer feierlichen und imposanten Zeremonie die Ecksteine gelegt. Am Salt Lake - Tempel wurde vierzig Jahre lang gebaut; der Schlußstein wurde am 6. April 1892 gelegt, und der Tempel wurde ein Jahr später geweiht. Aus dem Gesagten geht hervor, daß ein Tempel mehr ist als eine Kapelle oder Kirche, mehr als eine Synagoge oder Kathedrale; er ist ein Gebäude, das als Haus des Herrn errichtet wurde, der engsten Verbindung zwischen dem Herrn selbst und dem heiligen Priestertum geweiht und für die höchsten und heiligsten Verordnungen bestimmt, die für die Evangeliumszeit charakteristisch sind, in der der Tempel errichtet wurde. Darüber hinaus muß er, um wirklich ein heiliger Tempel zu sein, von Gott angenommen und von ihm als sein Haus anerkannt worden sein; das Opfer muß verlangt worden sein, und sowohl die Gabe als auch der Geber müssen würdig sein. Die Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage verkündet, daß sie das heilige Priestertum hat, das auf der Erde wiederhergestellt worden ist, und daß sie von Gott den Auftrag erhalten hat, Tempel zu bauen, die dem Namen und Dienst des wahren und lebendigen Gottes geweiht sind, und in diesen heiligen Gebäuden die Verordnungen des Priestertums zu vollziehen, die sowohl auf Erden als auch über das Grab hinaus Gültigkeit haben.
Auszug aus dem Buch ,,Das Haus des Herrn" von James Talmage (1862-1933), einem ehemaligen Mitglied des Rates der Zwölf Apostel |
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